Abseits der Strecke

Boxenstopp im Odenwald

Auf einer Reise in die bayerischen Alpen bietet es sich direkt an, ausgewählte Zwischenziele in das Navi einzuspeisen und so auf der Fahrt in den Urlaub auch andere schöne Ecken Deutschlands erkunden zu können. Ich habe mich diesbezüglich für den Odenwald – ein Mittelgebirge, verortet in Südhessen, Unterfranken sowie im nördlichen Baden – entschieden. Abgesehen davon, dass meine Familie nach wie vor Bezug zu dieser Region hat, gibt es auch hier jede Menge zu entdecken.

Eine der Attraktionen, die der Odenwald bereithält, ist beispielsweise das Naturdenkmal Felsenmeer. Das graue „Meer“ liegt im Lautertal an den Hängen des Felsbergs. Doch was genau hat es mit dieser Steinformation auf sich? Das naturgemachte Denkmal des Felsenmeers ist ein Ergebnis geologischer Prozesse, die sich vor rund 340 Millionen Jahren in dieser Gegend abgespielt haben.

Das Felsenmeer ist ein Naturdenkmal im Lautertal an den Hängen des Felsbergs.

„Damals drifteten zwei Kontinente aufeinander zu und kollidierten im Gebiet des heutigen Odenwaldes. An dieser „Nahtstelle“ bildete sich ein riesiges Gebirge, in großer Tiefe schmolz das Gestein und stieg als flüssiges Magma auf. Es erkaltete vor etwa 330 Millionen Jahren im „Kern“ der aufgestapelten Berge zu einem dem Granit ähnlichen Gestein, dem Melaquarzdiorit. Im Laufe der folgenden Jahrmillionen wurde die Oberfläche des Felsberges abgetragen und somit die darunter liegenden Felspartien freigelegt. Während der Abkühlung des glutflüssigen Gesteins bildeten sich Risse (Klüfte), die „den Berg“ in viele große Blöcke zerteilten. Der Zerfall der Gesteine war besonders stark im Tertiär (vor etwa 50 Millionen Jahren) und wurde durch das Eindringen von Wasser ausgelöst. Als Ergebnis dieser Vorgänge gibt es heute die runden Blöcke, „Wollsäcke“ genannt, umgeben von dem wie Kies wirkenden, zersetzen Gesteinsschutt, dem Grus. Während der letzten Eiszeit war das Klima dieser Region vergleichbar mit dem des heutigen Sibirien. Die abwechselnd warmen und sehr kalten Perioden verursachten, dass sich der Boden bewegte und teils richtiggehend talwärts „floss“. In wärmeren Zeiten wurde der Schutt zwischen den festen Steinen ausgewaschen und viele Felsbrocken wurden bergab transportiert. Mit der Zeit wurden so die „Blockhalden“ oder „Felsenmeere“ gebildet.“ Quelle: Entstehung / Geschichte – Felsenmeer-Informationszentrum (felsenmeer-zentrum.de)

Ein spektakulärer Ort ist im unteren Bereich des Felsenmeeres auszumachen: Hier befindet sich laut einer Inschrift die sagenumwobene „Siegfrieds-Quelle“. Der Nibelungensage nach befindet sich an dieser Stelle der Ort, an dem Siegfried, der sich durch seinen erfolgreichen Kampf mit dem Lindwurm als Drachentöter einen Namen gemacht hatte, ermordet wurde – eine Jagd in den Wäldern des Odenwaldes wurde ihm schließlich zum Verhängnis: Beim Trinken aus der Quelle griff ihn sein Rivale Hagen hinterrücks an und traf Siegfried mit dem Speer tödlich an der einzigen Stelle, an der er verwundbar war.

Da die Ortsangaben in der Heldensage jedoch sehr ungenau sind, erheben mehrere Brunnen beziehungsweise Quellen im und um den Odenwald herum den Anspruch, die einzig wahre Siegfrieds-Quelle zu sein. Neben der oben angegebenen Quelle im Felsenmeer sind hier dementsprechend noch Stellen bei Grasellenbach, Mossautal, Lindenfels, Heppenheim und Amorbach zu nennen.

Die Römer der Antike haben an vielen Stellen Europas ihre Spuren hinterlassen und die geschichtliche Entwicklung beeinflusst. So auch in Deutschland. Nicht nur entlang des Limes und bei der Saalburg (nahe Bad Homburg), in Trier, Aalen, Regensburg und vielen anderen bekannten Städten und Regionen. Auch in zahlreichen kleinen Orten wie dem bayerischen Peiting im Pfaffenwinkel und hier im Lautertal des Odenwaldes (genauer gesagt, im Felsbergwald) ist ein Überbleibsel ihrer damaligen Anwesenheit zu finden: Ein römischer Steinbruch mit der berühmten Riesensäule, ein Altarstein und viele weitere römische Werkstücke sind zu sehen.
Die besagte Säule befindet sich weiter oben im „Kleinen Felsenmeer“. Seit das römische Werkstück damals von Steinmetzen aus einem Rohblock gebrochen und geformt wurde, befindet es sich noch (fast) unverändert an seinem Fundort.
An vielen Stellen des Odenwaldes – besonders im östlichen Teil des Mittelgebirges – können sich Interessierte auf die Suche nach weiteren römischen Spuren begeben: So findet man zum Beispiel entlang des Odenwald-Limes Reste von Wachtürmen, bei Michelstadt kann man sogar einen rekonstruierten Wachturm besteigen – und die Reste des Kastells Würzberg mit einem Römerbad lassen das Alltagsleben der Legionäre nachempfinden. Nahe Höchst im Odendwald können in einem Freilichtmuseum die Überreste eines römischen Landguts (Villa Haselburg) besichtigt werden.

Denjenigen unter euch, die sich gerne mal auf eine kleine Wanderschaft zu einem besonderen Aussichtspunkt begeben, kann ich den Weg zum Kaiserturm auf der Neunkircher Höhe (605 m) im Lautertal empfehlen.
Vor Ort angekommen, erwartet einen ein 34 Meter hoher Turm, in dem sich „die höchste Wirtschaft des Odenwaldes“ befindet – die allerdings in der Regel nur an den Wochenenden bewirtschaftet ist (Empfehlung: Öffnungszeiten vorab erfragen! Der Apfelweinkuchen dort ist prima😉); leider kann der Turm auch nur zu dieser Zeit bestiegen werden. Von hoch oben hat man einen tollen Rundblick über den Odenwald – bei guter Sicht sogar bis in den Taunus.
Ein erster Turm aus Holz entstand hier 1888, der 1904 durch einen Sturm zerstört und 1906/07 durch den heutigen Turm an derselben Stelle ersetzt wurde. Ähnliche Kaisertürme sind damals an zahlreichen Orten im Deutschen Reich zu Ehren der deutschen Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. errichtet worden – und zugleich wollte man auf diese Weise der geradezu kulthaften Verehrung des ehemaligen Reichskanzlers Bismarck in der Bevölkerung entgegenwirken, die sich durch den Bau von Hunderten Bismarcktürmen und -säulen in ganz Deutschland zeigte.
In der Nähe des Kaiserturms finden sich Gesteinsblöcke, wie sie auch beim Felsenmeer zu entdecken sind.

Im Odenwald gibt es darüber hinaus viele Burgen und Schlösser in unterschiedlichem Erhaltungszustand zu entdecken. Die Burgruine Rodenstein in der Gemeinde Fränkisch-Crumbach ist eine dieser Attraktionen – geeignet für Touristen, die sich im Rahmen eines Tagesausflugs mit dem Mittelalter beschäftigen wollen. Ein Besuch ist auch für Familien mit Kindern im Schulalter sehr zu empfehlen. Die Geschichte der Burg und Sagen über den Rodensteiner Ritter faszinieren immer noch. Die Ruine liegt sehr verwunschen im Wald, umgeben von altem Baumbestand und der eine oder andere Besucher hat besonders im Herbst das Gefühl, den „Burggeist“ und das „Wilde Heer“ gespürt zu haben.
In der Nähe der Burg befindet sich das Hofgut Rodenstein, eine schöne Gaststätte, in der man sich vor oder nach der kleinen Exkursion stärken kann.

„Rumkraxeln“ auf der alten Burgruine Rodenstein.

Für historisch Interessierte sind außerdem Stadt und Burg Lindenfels einen Besuch wert. Die Ruine einer mittelalterlichen Höhenburg liegt im Westen der Stadt, die oft auch als „Perle des Odenwaldes“ bezeichnet wird. Die besonders gute Luftqualität vor Ort hat die Stadt zum einzigen staatlich anerkannten heilklimatischen Kurort des Odenwaldes werden lassen.

Ein Blick von oben – auf den Mauerresten der Burg Lindenfels.

Von der über der Stadt thronenden Ruine hat man bei gutem Wetter einen weiten Blick in das landschaftlich schöne Weschnitztal. Das Umland der Stadt bietet Wanderern ein gutes Wanderwegenetz und auch der bekannte Nibelungensteig führt durch Lindenfels. Traditionell wird hier übrigens seit vielen Jahren das gleichnamige Burg- und Trachtenfest mit zahlreichen Besuchern gefeiert und auch verschiedene Open-Airs erzeugen auf der Burg sowie auch in der Altstadt immer wieder ein beeindruckendes Flair.
Bei meinem Besuch vor Ort musste ich allerdings feststellen, dass Lindenfels, wie viele andere in Deutschland auch, offenbar diverse Leerstände in der Innenstadt zu beklagen hat – ein Problem, das diese schöne Kleinstadt hoffentlich bald beseitigen kann.

Von Lindenfels ausgehend, dauert es mit dem Auto lediglich eine kurze Zeit, bis man Michelstadt erreicht hat. Diesen Ort aufzusuchen hat für mich nicht nur den Hintergrund, dass sich dort mit dem historischen Rathaus ein unter Touristen sehr beliebtes Fotomotiv befindet. Eine ähnliche Bauweise kann man übrigens bei dem ehemaligen Rathaus in Orta San Giulio am Ortasee, nahe des Lago Maggiore, entdecken:

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Auch die Tatsache, dass hier in Michelstadt die deutsche Schauspielerin Jessica Schwarz aufgewachsen ist, hat mich zu einem Besuch dieser schönen Stadt inspiriert. Hier betreibt sie neben ihrer Schauspielkarriere gemeinsam mit ihrer Schwester inzwischen zwei Hotels, „die träumerei“ und das angrenzende „träum weiter “. Das zweite Boutique-Hotel hat die Schauspielerin im August 2018 in Michelstadt eröffnet.
Als Filmfan und Drehort-Spurensucher ist natürlich für mich klar gewesen: Sofern ich mal dort in der Gegend bin, muss ich mich unbedingt mal in dem Territorium der Jessica Schwarz umschauen.

Eines ist sicher: Wenn die Zeit es zulässt, werde ich nochmal in den Odenwald reisen, denn die Region ist definitiv zu jeder Jahreszeit ein interessantes Reise- und Urlaubsziel.🌲🌲🌲

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