Gipfelglück auf Norddeutsch

Ein Wandertag im Harzvorland

Wer wie ich alpines Flair mag, muss nicht immer direkt weit reisen. Auch vor der eigenen Haustür liegen viele schöne Landschaften – so wie beispielsweise der Harz, beziehungsweise das Harzvorland.
Unser Mittelgebirge und die bayerischen Alpen könnten auf der Landkarte allerdings kaum unterschiedlicher wirken: Ist der Harz doch wesentlich älter als das „nur“ rund 100 Millionen Jahre alte, schroffe Hochgebirge. Aber genau das macht den Vergleich so spannend. Denn trotz dieser Unterschiede zeigen beide Regionen etwas Gemeinsames: eindrucksvolle Felslandschaften, steile Wände und markante Formen, die durch völlig unterschiedliche geologische Prozesse entstanden sind.

Bei gutem Wetter haben mein Freund und ich uns nun kürzlich für eine kleine Wanderung ins nördliche Harzvorland entschieden – los ging es in Richtung Klusberge. Diese Berglandschaft ist ein flächenmäßig kleiner Höhenzug bei Halberstadt im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt. Die Tour dorthin eine kleine Auszeit mit viel Natur und einem eindrucksvollen Ziel.

Schon nach wenigen Minuten lässt man den Alltag hinter sich und taucht ein in eine stille, grüne Waldlandschaft. Der Weg führt durch abwechslungsreiche Natur mit alten Bäumen, verschlungenen Pfaden und kleinen Lichtungen. Besonders schön sind die kurzen Ausblicke in Richtung der besonderen Felsformationen, die sich einem zwischen den Bäumen bieten. Abseits der typischen Touristenpfade am Brocken findet man hier eine Ruhe, die an einsame Täler im Trentino erinnert.

Die Klusfelsen selbst zeigen sich recht pompös als gewaltige Sandsteinformationen, die wie eine natürliche Festung aus dem Boden ragen. Hier lohnt sich eine Pause, um die besondere Stimmung des Ortes aufzunehmen – ruhig, irgendwie auch etwas mystisch und sehr ursprünglich. Die Felsformation ist von teils künstlich erweiterten Höhlen durchzogen, die früher als Klausen oder Kapellen genutzt wurden und stellenweise so schmal sind, dass ein Weiterkommen durchaus etwas Geschick erfordert. Die Felsen sind quasi ein Spielplatz für alle, die lieber kraxeln als auf Forstwegen spazieren gehen. Sie sind natürlich kein Hochgebirge – aber für die ordentliche Portion „Gipfel-Feeling“ reicht es allemal.

Von den Klusfelsen aus hat man einen wunderschönen Blick auf den benachbarten Fünffingerfelsen: Eine bizarre Sandsteinformation – bestehend aus fünf circa 10 Meter hohen Steinsäulen –, die aus der Entfernung einer großen Hand gleicht, die sich dem Himmel entgegenstreckt. Auch der Fünffingerfelsen kann nach kurzem Aufstieg erklommen werden.

Unser anschließender Rückweg verläuft entspannt durch den Wald zurück zum Parkplatz. Hier und da begegnet man anderen Wanderern, die einen stets freundlich grüßen. Höhlen und weitere Entdeckungen am Wegesrand lassen immer wieder innehalten.
Unterm Strich ist diese Tour perfekt für einen halben Tag – überwiegend leicht zu gehen, gut erreichbar und mit echtem „Wow-Moment“ an den Felsen.

Wir haben uns für den restlichen Tag noch einen kurzen Stadtbummel durch Halberstadt vorgenommen und von dort aus einen kleinen Abstecher in ein weiteres sehenswertes Wandergebiet unternommen: Die Teufelsmauer bei Weddersleben.

Die Sage über die Teufelsmauer

Vor Urzeiten, als Gott und Teufel die Erde unter sich aufteilten, wurde zwischen beiden vereinbart, daß dem Teufel all das Land gehören sollte, welches er in einer Nacht bis zum ersten Hahnenschrei mit einer Mauer umbauen konnte.
In jener Nacht, als der Teufel sein Bauwerk begann, war nun aber eine alte Frau aus Timmenrode unterwegs, die auf dem Markt einen Hahn verkaufen wollte. In der Dunkelheit stolperte sie, und der Hahn erschrak sich dabei und begann zu krähen. Der Teufel hörte dies und dachte, daß seine Zeit schon um sei und riss vor lauter Wut die Teufelsmauer wieder ein. Die Reste sind bis auf den heutigen Tag stehen
geblieben.

By the way: Der so genannte Teufelsmauer-Stieg verbindet als Wanderroute im nördlichen Harzvorland auf rund 35 Kilometern alle Sehenswürdigkeiten dieser außergewöhnlichen geologischen Formation. Der markanteste Teil dieser bizarren Sandsteinerhebung befindet sich hier, zwischen Weddersleben und Warnstedt: Man kann auf einer Strecke von zwei Kilometern die Aneinanderreihung von Königstein, Mittelsteinen und Papensteinen bestaunen.

Vom Parkplatz aus führt uns der Weg entlang der idyllisch gelegenen Bode. Vorbei an einem Naturgarten gelangt man über etliche Treppenstufen hinauf zur ersten Felsformation, die aus geologischer Sicht bereits dem Königstein-Komplex zugeordnet werden kann. Weiter geht es zum sogenannten „Westturm (Teufel)“. Dieser ist erkennbar als markanter, freistehender, schlanker Turm, der den Beginn des Königstein‑Plateaus (circa 184,5 m über NHN) markiert. Von der angrenzenden Aussichtsplattform hat man einen schönen Blick auf das Tal und Weddersleben.
Fun Fact: Der Turm, der sich gegenüber am Plateau befindet und wie ein Adler aussieht, ist zwar optisch extrem markant, aber als Teil des Westturm-Komplexes dennoch nur ein unbenannter Nebenturm.

Passiert man diesen Komplex, schließen sich „Adlerfelsen (Mönch)“, „Großmutter“ und „Lange Wand“ an. Am Ende dieser Formation geht die imposante Steinmauer in die niedrigeren Mittelsteine über: Zuerst folgt ein längeres Stück Frühlingswiese mit flachem Gelände. Wenn es dann wieder leicht bergauf geht, sind die Felsen hier nur noch als einzelne Zacken wahrzunehmen, die aus den Hügeln ragen.

Mit Blick auf die Teufelsmauer geht es am unteren Feldrand zurück zum Ausgangspunkt.

Die Rückwand der Teufelsmauer bei Weddersleben.

Im Anschluss an unsere Tour lassen wir den Tag gemütlich in Quedlinburg ausklingen. Das ausgewählte Lokal liegt direkt am Marktkirchhof, in einer ruhigeren Ecke der Stadt. Umgeben von altem Kopfsteinpflaster und historischen Mauern, fühlt es sich hier fast wie ein kleiner italienischer Stadtplatz an.

Der Harz ist also nicht der Anfang der Geschichte, sondern lediglich ein Kapitel in einem viel größeren europäischen Felsenroman – der in Bayern weitergeht und spektakulär in Italien endet! Man muss demzufolge auch nicht über den Brenner reisen, um die Seele baumeln zu lassen. Manchmal reicht auch einfach ein Tag in Sachsen‑Anhalt, der mit passendem Ambiente und der richtigen Begleitung perfekt abgerundet wird.

Hinterlasse einen Kommentar